Exposé

Regime. Wie Dominanz organisiert und Ausdruck formalisiert wird

Exposé für einen Workshop, Akademie der bildenden Künste Wien, 28./29. Mai 2010

Eine inter-institutionelle Arbeitsgruppe um Eva Egermann (IKL), Petja Dimitrova (IKB), Maren Grimm (IKB), Tom Holert (IKW), Jens Kastner (IKW) und Johanna Schaffer (IKW) entwickelt derzeit Konzepte und Formate für einen thematischen Schwerpunkt “Regime”. Neben Lehrveranstaltungen, die sich dem Themenkomplex widmen sollen, ist ein Workshop für Ende Mai 2010 geplant.
Dies sind einige der Überlegungen, die dem Projekt zugrunde liegen:
Bei jüngeren Versuchen, Verhältnisse von Macht und Aspekte von Herrschaft zu beschreiben, wird immer wieder der Begriff des Regimes zur Hilfe genommen. Was macht seine besondere Anziehungskraft oder Nützlichkeit aus? Zum einen verleiht die Rede vom Regime dem jeweiligen Diskurs eine kritische Note, denn in der Regel bezeichnet der Begriff eine überwundene oder zu überwindende Ordnung. Zum anderen erscheint er vielsagend und suggestiv, seine Bedeutung nur schwer zu fassen. Beide Effekte der Rede vom Regime, die Versorgung eines Diskurses mit kritischer Valenz ebenso wie eine relative semantische Offenheit, hängen damit zusammen, dass der Begriff unterschiedliche Kontexte der Verwendung kennt und zwischen diesen unterschiedlichen Kontexten Austauschprozesse und metaphorische Verlagerungen stattfinden. Einige von diesen seien im Folgenden beispielhaft genannt.
Die Terminologie der politischen Wissenschaften verbindet „Regime“ mit einer spezifischen Typologie politischer Herrschaftsformen zwischen liberaler Demokratie und Diktatur. So wurde, einer Losung des politischen Philosophen Leo Strauss folgend, der „Regimewechsel“ (regime change) in der US-amerikanischen Außenpolitik der Bush-Regierung in den Stand einer Doktrin erhoben. Als Varianten von Regimes können aus politikwissenschaftlicher Perspektive auch typologische Abstufungen liberaler Demokratien zwischen Pluralismus und Neokorporatismus gefasst werden. Im Unterschied zu Regierungen (governments) werden in den Theorien der global governance transnationale Ordnungsgefüge wie z.B. bestimmte Währungsstrukturen, Rechts- und Normauffassungen oder das System der Vereinten Nationen als Regime bezeichnet, das heißt: in erster Linie als Regel gebende suprastaatliche Institutionen. Dabei kommt es, wie es im Titel eines einschlägigen Werks zum internationalen Recht heißt, zu „Regime-Kollisionen“, die durch das chaotische Nebeneinander von globalen Normkomplexen und Konfliktlösungsinstanzen ausgelöst werden. Auf lokaler Ebene wiederum werden Regime identifiziert, die sich in der Kooperation von Vertretern politisch eigentlich unvereinbarer Positionen zeigen – etwa im Interesse von Machterhalt und Handlungsfähigkeit (Stichworte: urban regimes, regime politics).
In der neomarxistischen Regulationstheorie schließlich werden kapitalistische „Akkumulationsregime“, Systeme von materieller Produktion und Konsumption wie Fordismus und Postfordismus, mit „Regulationsweisen“, den politischen, legalen und ideologischen Kodifikationen dieser Regime, zu hegemonialen Strukturen in Beziehung gesetzt. Wie eine Gesellschaft zusammengehalten wird, „die aufgrund ihres ökonomischen Reproduktionsmechanismus strukturell von bestandsbedrohenden Krisen und sozialen Desintegrationsprozessen bedroht ist“ (Joachim Hirsch) ist eine der Leitfragen der Regulationstheorie.
Die gleichermaßen flexiblen wie spezifischen Einsätze des Regimebegriffs in den politischen Wissenschaften und den kapitalismustheoretischen Schulen werden nun auf höchst interessante, aber zugleich weitgehend ungeklärte Weise durch Konjunkturen in der Philosophie und Kulturtheorie ergänzt. Michel Foucault unterscheidet in „Die Ordnung der Dinge“ (1966) drei historische Regime, in Brüchen aufeinander folgende Wissens- und Wahrheitsordnungen, die er „episteme“ nennt: das Regime der Ähnlichkeit, das Regime der Repräsentation und das Regime der Geschichte. Später wird Foucault das „régime de verité“ (gewöhnlich übersetzt als: „Herrschaft der Wahrheit“, vgl. „Die Geburt der Biopolitik“, 36ff.) untersuchen, jenen „Diskurstyp“, der durch eine „Reihe von Praktiken gekennzeichnet ist, die ihn einerseits als Gesamtheit konstituieren […] und andererseits auf diese Praktiken in Begriffen des Wahren und Falschen gesetzgebend wirkt […]“ (ebd.). Das Wahrheitsregime wird so zu jenem machtvollen Medium und Instrument, in und mit dem sich Legitimität und Illegitimität, Ein- und Ausschlüsse regulieren lassen.
Gilles Deleuze und Félix Guattari entwickeln in „Tausend Plateaus“ (1980) und anderen Texten eine wuchernde Taxonomie der Regime, allen voran der „Zeichenregime“. Diese werden eingeteilt in „signifikante“, „präsignifikante“, „kontrasignifikante“ und „postsignifikante“. In Zeichenregimen formalisiert sich danach ein spezifischer Ausdruck. Es handelt sich um „Äußerungsgefüge“, die in linguistischen Kategorien nicht angemessen erfasst werden können (TP, 193). Von Zeichenregimen werden unter anderem „Körperregime“ (physische Systeme), das „leidenschaftliche Regime der Subjektivierung“ (TP, 202) und „gekünstelte, metaphorische, verdummende Regime“ (TP, 203) unterschieden. Im „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ (1990) spricht Deleuze, in Anlehnung an Foucault, vom „Gefängnis-Regime“, vom „Schul-Regime“, vom „Krankenhaus-Regime“ und vom „Unternehmens-Regime“, in denen jeweils signifikante, krisenhafte Veränderungen zu beobachten seien, genauer: die Etablierung eines neuen Regimes, die „installation progressive et dispersée d’un nouveau régime de domination“ („der fortschreitende und gestreute Aufbau einer neuen Herrschaftsform“ [UH, 262]). Die Analyse der Transformationen von gesellschaftlichen Teil-Regimen führt hier zur Erkenntnis eines emergenten, eines neuen Typs der Dominanz.
Feminismus und Gender Studies haben ihrerseits, etwa seit den 1980er Jahren, entscheidenden Anteil an der Ausdifferenzierung des Regimebegriffs, insbesondere im Hinblick auf die normalisierenden Effekte des heterosexuellen Macht- und Repräsentationsregimes. Das diskursive Regime hegemonialer Heterosexualität produziert in dieser Perspektive normative Annahmen über ‚gesunde’ Körperlichkeit und angemessenes Sozialverhalten sowie normalisierende Identitätszuschreibungen. So werden Natürlichkeit, Eindeutigkeit und Unveränderbarkeit von Geschlecht und sexueller Orientierung fundiert. Interessanterweise wurde die auf Foucault basierende Theorie von Regimen der Heteronormativität zu Beginn der 1990er auch in das Konzept der Gender Regimes oder Geschlechterregime überführt. Dies geschah unter feministisch-kritischer Bezugnahme auf eine andere Regime-Typologie, jener der „welfare regimes“ des Politikwissenschaftlers Gøsta Esping-Andersen: „Während sich die frühen Konzeptualisierungen nur auf wohlfahrtsstaatliche Regulierungen im Hinblick auf die Erwerbsteilhabe und soziale Absicherung von Frauen bezogen, hat sich der Gender Regime-Ansatz seither wesentlich erweitert. Einbezogen werden auch nicht-staatliche Akteure sowie andere Politikfelder, und neben politischen Institutionen werden auch ökonomische und kulturelle Einflussfaktoren als Bestandteile von Gender Regimes betrachtet wie auch die Wechselwirkungen von Policies und sozialer Praxis der Geschlechterbeziehungen“ (Sigrid  Betzelt, 2007)[1].
Die postkoloniale Theorie und die Black Studies wiederum thematisierten die „verschiedenen Weisen, mit denen schwarze Menschen und schwarze Erfahrungen in den dominanten Repräsentationsregimes positioniert und unterworfen wurden“, wie Stuart Hall schrieb. „Wir [als people of color] wurden durch jene Regimes nicht nur […] innerhalb der Wissenskategorien des Westens als unterschiedene und andere konstituiert. Vielmehr hatten sie die Macht uns dazu zu bringen, dass wir uns selbst als ,Andere′ wahrnahmen und erfuhren. Jedes Repräsentationsregime ist ein Machtregime, das, worauf uns Foucault hinweist, durch das verhängnisvolle Doppel von ‚Macht/Wissen’ geformt ist. Doch dieses Wissen ist internalisiert und nicht äußerlich“ (Hall, „Kulturelle Identität und Diaspora“).
Im Kontext einer Theorie der Migration und der gegenwärtigen Grenzregime schlugen Dimitris Papadopoulos, Niamh Stephenson und Vassilis Tsianos jüngst die Begriffe des „Kontrollregimes“ (regime of control) und des „Arbeits- und Prekaritätsregimes“ (regime of precarious life and labour) vor, indem sie diese jeweils als „an unstable but effective alliance between forces of power“ definieren, das stets historisch spezifisch ist („Escape Routes“, 77). Ihm gegenüber bzw. in Auseinandersetzung mit ihm entstehen eine vagabundierende, deterritorialisierende „Mobilität“ und die „verkörperte Erfahrung von Prekarität“.
Die Semantik von Macht und Herrschaft prägt ganz wesentlich auch die Rede von „Blick- und Bildregimen“, wie sie spätestens seit Christian Metz und Martin Jay („skopisches Regime“) in den Theorien des Films und der visuellen Kultur einschlägig geworden sind. Das Regime, von dem Metz (in „Le signifiant imaginaire. Psychanalyse et cinema“, 1977) handelt, ist eine proto-politische, gouvernementale Regulierung der Erfahrung des Kinos  (das heißt: einer zentralen Praxis und Institution der visuellen Kultur der Moderne) in den psychischen Dimensionen des Imaginären und Symbolischen. Der Regimebegriff bescheinigt dem Kino und dem Kinoerlebnis deren moralisch-ideologische Ambivalenz, ihren doppelten Status als legitime wie illegitime Aktivität (bzw. Passivität). Metz hatte sich selbst die Aufgabe gestellt, über den „kinematografischen Traum in Begriffen des Code: als Code dieses Traums“ („rêve cinématographique en termes de de code: du code de ce rêve“) zu sprechen. Und so wie der Begriff des „code“ nicht nur einen semiologischen, sondern auch einen kybernetischen oder politisch-juridischen Bedeutungshof hat, ist auch der Begriff des „Regimes“ gleichermaßen politisch wie technisch und psychoökonomisch auslegbar und anwendbar.
Schließlich gewann der Regime-Begriff in den Texten von Jacques Rancière in den letzten Jahren eine besondere Bedeutung für die kunsttheoretische Debatte. Rancières Unterscheidung von Repräsentationsregime und ästhetischem Regime entwickelte auch deshalb eine besondere Resonanz im künstlerischen Feld, weil sie auf das verbreitete Begehren reagierte, politische und ästhetische Theorie enger auf einander zu beziehen. Als politischer Philosoph gebraucht Rancière den Begriff des Regimes in seinen ästhetischen und kunsttheoretischen Überlegungen mit strategischem Bedacht. Er vermittelt Fragen von Dominanz und Teilhabe mit solchen der Aufteilung des Sinnlichen und der Reorganisation ästhetischer und künstlerischer Kompetenz im Übergang zur Moderne.
Der geplante Workshop an der Akademie der bildenden Künste soll dazu beitragen, die Parallelen und Interferenzen der Begriffs- und Theoriegeschichte(n) von „Regime“ an einzelnen Fällen herauszuarbeiten. Insbesondere als Begriff, der das Potential besitzt, Politik- und Ökonomietheorie, visuelle Kultur und Ästhetik aufeinander zu beziehen und in ihrer Wechselwirkung zu verstehen, bietet sich „Regime“ auch als Ergänzung oder Alternative zu verwandten Konzepten wie „Hegemonie“ oder „Empire“ an. Andererseits ist festzustellen, dass der Gebrauch des Regimebegriffs sehr weitläufig und oft ungenau und spekulativ ist. Die Frage wäre konkret, welchen diskursiven und politischen Gewinn er verspricht und tatsächlich bringt.
[1] „Gender Regimes“: Ein ertragreiches Konzept für die komparative Forschung. Literaturstudie, http://www.zes.uni-bremen.de/ccm/content/veroeffentlichungen/arbeitspapiere.de?id=268